Braunkohle-Nein e.V.

Klimawandel

DIE WELT.de

Umwelt

Klimawandel ist nicht zu verhindern

Ein neuer Expertenbericht der Vereinten Nationen kommt zu alarmierenden Ergebnissen. Allenfalls das Ausmaß der Erderwärmung ist noch beeinflussbar.

Von Günther Lachmann

Fünf Jahre lang haben Hunderte Wissenschaftler im Auftrag der Vereinten Nationen (UN) Ergebnisse von Klimasimulationen gesammelt und analysiert. Nun liegt ihr Bericht den Regierungen als streng vertraulich eingestufter Entwurf vor. Die Studie verschärft fast alle Aussagen des UN-Klimaberichts von 2001. Danach ist die Klimakatastrophe nicht mehr aufzuhalten, allenfalls das Ausmaß der Erderwärmung ist noch beeinflussbar.

Wenn der Ausstoß von Treibhausgasen nicht drastisch reduziert werden kann, wird sich das Klima bis zum Jahr 2100 um drei Grad Celsius erwärmen, errechneten von der Bundesregierung beauftragte Experten auf der Grundlage des UN-Entwurfs. Die Folgen sind gravierend. Die Arktis wird im Sommer eisfrei, Gletscher schmelzen, heute noch fruchtbare Landstriche veröden, extreme Wetterlagen nehmen zu. Auch für Deutschland werden bisher ungekannte Hitzewellen, Dürreperioden und Umweltkatastrophen vorausgesagt.

Im kommenden Jahr sollen zunächst einzelne Teile des vom "Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen" (IPCC) erstellten Berichts debattiert werden. Mit der Annahme im UN-Plenum wird im November des kommenden Jahres gerechnet. Bislang variierten die wissenschaftlichen Annahmen für die Klimaerwärmung zwischen 1,4 und 5,8 Grad Celsius.

Das Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, das auf deutscher Seite an der UN-Studie mitgearbeitet hat, prognostiziert bis 2100 eine Erwärmung zwischen 2,5 und vier Grad Celsius. Tatsächlich hängt die Entwicklung des Klimas von mehreren Faktoren ab. Neben den Kohlendioxid-Emissionen spielt eine Rolle, wie viele Rückkoppelungseffekte es gibt - wie empfindlich also das Klima auf Störungen reagiert.

Ein Beispiel für eine selbstverstärkende Rückkopplung ist das Abschmelzen des Meereises. Eine eisbedeckte Fläche reflektiert das Sonnenlicht und verhindert eine Erwärmung der Atmosphäre. Dort, wo das Eis bereits geschmolzen ist, fehlt diese Reflexionsfläche. Es entsteht zusätzliche Wärme, die wiederum die Eisschmelze vorantreibt. In dem UN-Bericht wird die Klima-Sensitivität mit rund drei Grad bei einer Verdoppelung des Kohlendioxidgehaltes angegeben.

"Als Folge dieser Erwärmung werden wir in Deutschland in den Sommermonaten in den kommenden Jahrzehnten Temperaturen messen, die zum Teil deutlich über 40 Grad liegen", sagt Erich Roeckner, Klimaforscher beim Max-Planck-Institut. "Auch wird es viel häufiger tropische Nächte mit Temperaturen über 20 Grad geben."

Mit diesen Hitzeprognosen verbinden die Wissenschaftler schwerwiegende Nachteile für die Landwirtschaft. So rechnen sie nicht nur mit längeren Dürreperioden und Ernteausfällen, sondern auch mit einer kaum kalkulierbaren Ausbreitung von Insekten. Nur in Nordeuropa könnten die Bauern größere Erträge einfahren. "Die größten Verluste in der Landwirtschaft werden im Mittelmeerraum, dem südwestlichen Balkan und dem Süden Russlands erwartet", schreiben die UN-Experten in ihrer Regierungsvorlage. Rund die Hälfte der europäischen Pflanzenwelt sei durch den Klimawandel "gefährdet, vom Aussterben bedroht oder akut vom Aussterben bedroht".

Nicht weniger dramatisch verändert sich das Klima im Winter. Starkregen, Hochwasser und extreme Stürme werden über das Land kommen. In den Alpen, fürchtet das Umweltbundesamt, könnten die Winter in den kommenden Jahrzehnten sogar um vier Grad Celsius wärmer sein als heute. "Kleine Gletscher werden verschwinden, während größere Gletscher um bis zu 70 Prozent abschmelzen", prognostiziert der UN-Bericht allein bis zum Jahr 2050. Berge dürften an Stabilität verlieren, noch mehr Abbrüche sind demnach zu erwarten.

Ebenso schlimm trifft es die Länder Südeuropas. Teile der spanischen Mittelmeerküste und Griechenlands verwandeln sich nach vorliegenden Szenarien in Wüste. Klimaforscher Roeckner sagt: "Selbst wenn wir heute alle Emissionen auf null runterfahren könnten, würde die Temperatur um 0,5 Grad Celsius ansteigen." Dabei ist eher das Gegenteil der Fall. Denn Schwellenländer wie China oder Indien sind gerade dabei, ihren Ausstoß an Klimakillern kräftig zu erhöhen. "Das Klimaprotokoll von Kyoto ist nur ein erster Schritt, der nicht allzu viel bewirken kann. Es müssten viel drastischere Maßnahmen ergriffen werden", sagt Roeckner. Nur dann könne der Temperaturanstieg vielleicht noch auf zwei Grad Celsius begrenzt werden.

Unter den gegebenen Bedingungen prognostiziert der UN-Bericht für besonders bedrohte Regionen dramatische Konsequenzen. So gefährde die Erwärmung in einigen Ländern Südamerikas die "Gestalt der Küsten, den Tourismus" und "die Verfügbarkeit von Trinkwasser in den Küstenbereichen von Costa Rica und Ecuador". In den Polar-Regionen wird die Eisfläche laut UN-Studie in den letzten 20 Jahren des Jahrhunderts um jährlich 20 bis 30 Prozent abschmelzen. Die Fläche der Nordhalbkugel, auf der heute Dauerfrost herrscht, reduziert sich bis zum Jahr 2050 um bis zu 35 Prozent. Ende des Jahrhunderts wird diese Fläche vermutlich auf zehn Prozent ihrer heutigen Größe geschrumpft sein.

"Der Bericht des UN-Ausschusses ist alarmierend", sagt der parlamentarische Staatssekretär im Umweltministerium, Michael Müller. Das Papier beschreibe "einen qualitativen Sprung in der Erderwärmung zu Beginn des neuen Jahrtausends". Es sei eindeutig, dass sich Prozesse, die zur Klimaerwärmung beitragen, beschleunigten. "Spätestens jetzt muss allen deutlich werden: Das ist kein Problem der Dritten Welt. Das geht uns alle an."

Es sei jedoch naiv anzunehmen, die aktuell spürbaren Klimaveränderungen seien Reaktionen auf den heutigen Schadstoffausstoß. "Was wir heute spüren, ist das Ergebnis der 1960er- und 1970er-Jahre", sagt der Umweltpolitiker. Der Klimawandel vollziehe sich mit einer zeitlichen Verzögerung von 40 bis 50 Jahren. "Das alte Klimasystem ist aus den Fugen geraten, ein neues baut sich auf." Dennoch sieht Müller Chancen, die von der Europäischen Union und den UN angestrebte Reduzierung der Erwärmung auf zwei Grad zu erreichen. Es gebe "im Energiebereich 40 Prozent Einsparpotenzial. Wir müssen es nur nutzen."

Folglich müsse nicht nur der Privathaushalt, sondern die gesamte Wirtschaft radikal umdenken. Das Bemühen um eine Reduzierung der Treibhausgase über den Emissionshandel reiche nicht. "Wir müssen die Rohstoffintelligenz ins Zentrum unseres Wirtschaftens rücken", fordert der SPD-Politiker.

Ein geringerer und letztlich auch effizienterer Einsatz der Rohstoffe sei für Deutschland und Europa nicht nur umweltpolitisch ratsam. "Was wir hier an Einsparpotenzialen erzielen, was wir in diesem Bereich an Know-how den asiatischen Staaten voraushaben, sichert unsere Konkurrenzfähigkeit und damit unsere Arbeitsplätze."

Artikel erschienen am 24.09.2006

WELT.de 1995 - 2006


Zurück